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Ruth Ewan
Demnatio Memoriae

Damnatio Memoriae – die radikale Verdammung der Existenz war eine gängige Bestrafungsform im antiken Rom.

Indem man die Erinnerung an verurteilte Menschen restlos auslöschte, verwehrte man ihnen ein Angedenken durch die Nachwelt und verbannte sie aus dem kollektiven Gedächtnis.

Ruth Ewan (geb. 1980 in Aberdeen) beschäftigt sich in ihrem gleichnamigen Projekt, das vom 19. September an im M.1 zu sehen ist, in verschiedenen historischen Kontexten mit Strafpraktiken und Strategien von Erinnern und Vergessen.

Die Arbeit der in London lebenden Künstlerin beginnt mit umfassenden Recherchen und partizipativen Workshops, welche ihren visuellen Ausdruck in Form von Postkarten, Zeitungsartikeln, Postern, Landkarten, Filmen, Zeichnungen und Installationen finden.

Dabei ist es ihr Interesse zu einem veränderten kulturellen und historischen Blick beizutragen, indem sie unbeachtete Geschichten, Niederlagen und Potentiale thematisiert.

Zwei scheinbar ungleiche Objekte, ein mittelalterlicher Maulkorb und eine seltene Tomatensorte, sind für Ewans Projekt „Damnatio Memoriae“ Zentrum und Anlass der Auseinandersetzung um Geschichte und Gedächtnis.

Unzählige Robeson-Tomaten verwandeln die Halle des M.1 in ein großes Gewächshaus, dessen tief rote, stellenweise schwarze Frucht anschließend im Café zum Verzehr angeboten wird.

Was amüsant
klingt, ist in Wirklichkeit ein tragisches Kapitel amerikanischer Geschichte: Die dunkel getönte Tomate verweist auf den vielseitig begabten Künstler Paul Robeson (1898-1976), der in den 40er und 50er Jahren wegen seiner politischen Ausrichtung unter Beobachtung verschiedener Geheimdienste stand und damnatiomemoriae-
gleich aus Fernsehen und öffentlichem Leben verschwand. Seine künstlerische Existenz wurde aus Angst vor ihrem kritischen Potenzial und als Bestrafung für seine politischen Aktivismus ausgelöscht.

Hexen, den Prototypen der Verfolgten, wird hingegen bis heute in zahlreichen schaurigen Abbildungen gedacht. Man stilisiert sie zum Stereotyp, der immer wieder aufgerufen und überliefert wird.

Diese Form des kollektiven Gedächtnisses, das durch vielfältige populäre Quellen gespeist wird, beschäftigt Ruth Ewan nicht
weniger als das aktive Vergessen bei Robeson. Im Rahmen von Workshops in London und Edinburgh hat sie gedächtnisprägendes visuelles Material mit Jugendlichen diskutiert, manipuliert und neu gedeutet.

Ausgangspunkt für die Untersuchung war besagter Maulkorb, den man u.a. Frauen anlegte, die der Hexerei verdächtigten wurden. Jener mittelalterliche Maulkorb in Gestalt eines Esels- oder Schweinekopfes hat Widerhaken, die sich ins Innere des Mundes gruben und das Opfer qualvoll zum Schweigen brachten.

Beide Seiten ihrer Arbeit, das Auslöschen und Typisieren von Existenz, behandeln die Auseinandersetzung um Informationskontrolle aufgrund vermeintlicher moralischer und politischer Verwerflichkeit.

Ruth Ewan studierte 1998-2002 Zeichnung und Malerei am Edinburgh College of Art. Seither hat sie international zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen realisiert, u. a. im ICA und der Tate Britian
(London), im Musee d'art contemporain (Bordeaux) und im New Museum (New York).

Das M.1 der Arthur Boskamp-Stiftung erlaubt mit Ruth Ewans erster deutscher Einzelausstellung einen tiefen Einblick in ihre konzeptionellen Arbeitsstrategien und deren unterschiedliche Medien.

Date:
19 September – 24. Oktober 010

Venue: Arthur Boskamp-Stiftung, M.1 Hohenlockstedt, Breite Straße 18, 2551 Hohenlockstedt





   
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