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Wenn man als Wissenschaftler über den Klimawandel forscht, ist der Berufsalltag von abstrakten Darstellungen wie Gleichungen, Tabellen und Zahlen beherrscht. 'Anthropogenes Eingreifen' in das 'Klimasystem' ist jedoch kein Computerphänomen, das sich im virtuellen Raum abspielt: Die globale Erwärmung existiert bereits und man kann die Auswirkungen an Tausenden von Orten auf der ganzen Welt sehen, riechen und anfassen. Meiner Meinung nach ist es zwingend notwendig, die geografische unmittelbare Bedrohung und die Unstrittigkeit der Klimaveränderung kontinuierlich zu bestätigen, während wir permanent weiter daran arbeiten, unser Verständnis des Prozesses durch hoch entwickelte Forschung und Computertechnologie auszuweiten. Wir dürfen niemals aus den Augen verlieren, wie hoch der Einsatz ist, wenn wir unseren Planeten aufs Spiel setzen.
Durch meine Reisen als Mitglied des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) als Teil einer Expertengruppe, die sich mit der Einschätzung von Risiken befasst, habe ich ausreichend Gelegenheit, globale Umwelt-veränderungen aus erster Hand wahrzunehmen. Es gibt eine Reihe von Gründen – nicht zuletzt bedingt durch die regionale Vertretung innerhalb der UN – dass zu den Orten, an denen die Arbeitstreffen des IPCC stattfinden, einige weit entfernte, exotische und unermesslich schöne Plätze dieser Erde gehören. Diese Schönheit scheint jedoch häufig dazu verurteilt zu sein, von der Bildfläche zu verschwinden. Beispielsweise fand kürzlich eine der IPCC-Versammlungen in Mérida auf der Halbinsel Yucatán statt, die nur einige Wochen vorher von einem verheerenden Orkan verwüstet worden war. Mit steigenden Temperaturen der Meeresoberfläche als Folge der zivilisations-bedingten globalen Erwärmung wird sich die destruktive Energie von Tropen-stürmen mit Sicherheit erheblich verstärken. Daher ist es zweifelhaft, ob die Karibik, deren Bewohner selbst extreme politische Misswirtschaft verkraftet haben, weiter als Paradies der ruhigen Gelassenheit existieren kann.
Im Jahre 1999 nahm ich an einem Meeting des IPCC in der australischen Hauptstadt Canberra teil. Jene mit harter Arbeit und anstrengenden Diskussionen angefüllten Dezembertage waren für den Sommeranfang auf der Südhalbkugel ungewöhnlich kühl. Gegen Ende der Zusammenkunft wurden wir zu einer Rundfahrt durch den nahe gelegenen Tidbinbilla National Park eingeladen. Der Park war um diese Jahreszeit voller Lebewesen - insbesondere Koalabären schienen sich dort wohlzufühlen.
Im Februar 2006 kehrte ich nach Südostaustralien zurück und war von dem dramatischen Wandel, der dort stattgefunden hatte, ausgesprochen betroffen.
Im Jahre 2003 wurde Tidbinbilla durch einen Feuersturm vernichtet, der in der nahe gelegenen Hauptstadt den Tag in eine schwarze Nacht verwandelte. Nur ein einziger Koalabär überlebte schwer verwundet, da er gerade in einem Bach faulenzte, als die Apokalypse hereinbrach. ‚Lucky', wie ihn die Wildhüter des Parks tauften, wurde im Besucherzentrum als bewegendes Beispiel für ein wundersame Rettung vor der Katastrophe gezeigt. Als ich 2006 das Wunder in Augenschein nehmen wollte, informierte mich leider eine Tafel darüber, dass Lucky in den Ruhestand gegangen war. Zu Beginn des Jahres 2006 brach eine beispiellose Hitzewelle mit Temperaturen von über 40° C über Sydney und Melbourne herein. Am 20. März 2006 wurde Queensland vom Zyklon ‚Larry' (Kategorie 5) heimgesucht, der die Lebensräume von Tieren, die Ernte und einen Teil der Infrastruktur zerstörte. Glücklicherweise gab es keine Todesopfer. Man könnte dieses Ereignis als Erwiderung der südlichen Hemisphäre auf die Orkansaison in der Karibik im Jahre 2005 sehen, die sämtliche Rekorde in der Geschichte gebrochen hatte. Außerdem wird es die Sorgen australischer Umweltschützer um eines der Naturwunder unserer Welt – das Korallenriff Great Barrier Reef – verstärken.
Das größte und prachtvollste maritime Ökosystem der Erde ist von verschiedenen Problemen bedroht, die alle mit dem vom Menschen verursachten Anstieg der CO 2 -Emissionen in Verbindung stehen. Die direkteste Auswirkung resultiert aus der Ansäuerung der Ozeane: Wird das Meereswasser sauer, ändert sich der Prozess der Kalkbildung in Korallenriffen und wird teilweise unterdrückt. Dies erhöht die Dynamik der Korallenbleiche, die von höheren Temperaturen an der Meeresoberfläche ausgelöst werden kann und als eine eher indirekte Auswirkung der CO 2 -Anreicherung in der Atmosphäre gilt. Wissenschaftliche Forschungen in der Karibik haben nun bestätigt, dass Korallenriffe ungeheuer unter tropischen Stürmen zu leiden haben und sich im Anschluss nur sehr langsam wieder erholen. Aus diesem Grund würde ein verstärktes Auftreten von Zyklonen im Meer vor Nordostaustralien dem Great Barrier Reef den Todesstoß versetzen. Vielleicht ist bis zum Jahr 2050 dieses Juwel in der Krone unseres Welterbes bereits unwiederbringlich zerstört.
Von dieser Geschichte von der ‚anderen' Halbkugel können wir einiges lernen. Eine der wichtigsten Lektionen für uns ist, dass ein unverminderter globaler Wandel Natur und Gesellschaft an ‚kritische Punkte'' und darüber hinaus führen wird, wo einzigartige Systeme irreversibel zusammenbrechen werden – zumindest innerhalb der menschlichen Zeitrechnung. Es gibt wahrscheinlich keinen vergleichbaren ‚planetarischen kritischen Punkt' bzw. ein bestimmtes Ansteigen des globalen Temperaturmittelwerts, der einen sich selbst verstärkenden, nichtlinearen, unkontrollierbaren Treibhauseffekt auslösen könnte. Es gibt jedoch eine wachsende Zahl von Beweisen, dass innerhalb des Systems des Planeten Erde eine ganze Reihe kritischer Schwellenwerte darauf lauern, nacheinander überschritten zu werden, während die Menschheit immer mehr Wärme produziert.
Bekannte Beispiele bedeutender Elemente in der planetarischen Maschinerie, die unter Umständen in vollkommen andere Zustände oder Funktionen ‚gekippt' werden, sind: die Eisdecken Grönlands und der westlichen Antarktis; die Strömungen des Atlantiks, die für das milde Klima der britischen Inseln sorgen; das El Niño / Southern Oscillation System ; Monsune in Asien und Afrika; die Methanvorkommen auf einigen Kontinenten und vor deren Küsten; der Amazonas-Regenwald und die Borealwälder sowie die natürliche Meerespumpe, die als Senke für überschüssiges CO 2 dient. Abgesehen von den direkten Auswirkungen solcher Veränderungsprozesse würde allein das Abschmelzen Grönlands noch in diesem Jahrtausend den globalen Meeresspiegel um 7 Meter ansteigen lassen. Viele der aufgelisteten Phänomene werden mit Sicherheit durch einen Dominoeffekt miteinander in Wechselwirkung treten und den von Menschenhand verursachten Klimawandel durch aktive Rückkopplungsschleifen beschleunigen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das beunruhigende Szenarium Wirklichkeit wird, erhöht sich bedeutend, wenn sich die Welt um mehr als 2° C gegenüber dem vorindustriellen Niveau erwärmt.
Die Folgen für die menschliche Zivilisation wären kaum zu bewältigen. Schon unter den gegenwärtigen klimatischen Bedingungen und dem entsprechenden Auftreten extremer Ereignisse existieren bereits jetzt viele Gesellschaften am Rande des Scheiterns. Sie sind zum Zusammenbruch verurteilt, wenn sie von Erschütterungen wie den weiter oben dargestellten getroffen würden – man denke nur an die Auswirkungen eines grundlegend veränderten indischen Sommermonsuns. Darüber hinaus ist auch die Kapazität der Industrienationen in den mittleren Breitengraden nicht unbegrenzt, obwohl die Belastungen eines jähen Klimawandels in jenen Teilen der Erde keine unmittelbare Frage von Leben oder Tod darstellen. Die ‚entwickelte Welt' wird zusätzlich durch sekundäre Stoßwellen von Implosionen in den am stärksten gefährdeten Gesellschaften der ‚Entwicklungsländer' auffangen müssen.
Kürzlich, bei einem britisch-deutschen Workshop, der vom Foreign & Commonwealth Office (dem britischen Außenministerium) finanziert wurde, versuchten führende Wissenschaftler, die sich mit dem Klimawandel befassen, zum ersten Mal die Mechanismen ins Auge zu fassen, die eine solche Krisensituation auslösen würde und eine engere Auswahl der wichtigsten sozioökonomischen Systeme zu treffen, die im Verlauf solcher Ereignisse anfällig wären zu ‚kippen'. Die Teilnehmer identifizierten eine Reihe höchst gefährdeter Regionen, unter anderem schnell verstädternde Regionen in semiariden Gebieten und Küstenregionen und richteten ihr Augenmerk zusätzlich auf drei globale Systeme: Fischereizonen, die Infrastruktur der öffentlichen Gesundheitsversorgung und die Steuerung internationaler Flüchtlingsströme. Konzertierte Forschungsaktivitäten sind dringend notwendig, um unser Verständnis der Stabilität sozioökonomischer Systeme funktionstauglich zu machen.
Die meisten potenziellen Störungen könnten vermieden werden, wenn die Schwelle der Erwärmung um 2° C gegenüber dem vorindustriellen Niveau erhalten werden kann. Wir erreichen diese Stabilität der planetarischen Temperatur jedoch nicht einfach, indem wir unser bisheriges untragbares Verhalten stabilisieren. Insbesondere müssen sämtliche CO 2 -Emissionen bald ihren Höchststand erreicht haben und im Anschluss sinken, um einen Rückgang der atmosphärischen Konzentration dieses Treibhausgases sicherzustellen, die derzeit bei 450 ppm liegt. Das bedeutet, dass unsere Gesellschaft eine Reihe von Wendepunkten planen und umsetzen muss, die sich auf viele Bereiche des modernen Lebens wie die Produktion, den Konsum, das Wohnen und die Mobilität auswirken. Eine wirtschaftliche Analyse mit ausgefeilten Energie-Klima-Modellen zeigt überzeugend, dass wir uns diese Entkarbonisierung unserer Zivilisation leisten können. Es bleibt die Frage, ob wir noch rechtzeitig kommen.
Mannigfaltige natürliche und gesellschaftliche Unbeweglichkeit führt uns immer näher an verschiedene kritische Punkte, wie ein Boot, das sich auf einem Fluss mit schneller Strömung einem Wasserfall nähert. Es reicht nicht, mit dem Rudern aufzuhören – wir müssen umkehren und flussaufwärts fahren! Wir benötigen ein öffentliches Bewusstsein für den Ernst und die Dringlichkeit der Klimakrise, damit eine solche Wende hin zur Nachhaltigkeit vollzogen werden kann. Wissenschaftler und Künstler können dieses Bewusstsein herbeiführen, wenn sie im kommenden Jahrzehnt zur Zusammenarbeit bereit sind.
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