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Ian McEwan: An Essay for our Time |
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Die Last unserer Zahlen, die Fülle unserer Erfindungen, die blinde Kraft unserer Begierden und Bedürfnisse produzieren Wärme – den heißen Atem unserer Zivilisation. Wo fangen wir an uns einzuschränken? Wir ähneln einer Flechte, die sich erfolgreich durchfrisst, einem verheerenden Algenteppich in voller Blüte, Schimmel, der eine Frucht überzieht...
Wir sind Nestbeschmutzer und wissen, dass wir entschlossen handeln müssen – entgegen unseren unmittelbaren Neigungen...
Aber können wir uns einigen? Wir sind eine gescheite und gleichzeitig sehr zerstrittene Spezies – bei öffentlichen Debatten klingen wir manchmal wie eine lauthals tönende Krähenkolonie. Wir sind abergläubisch, hierarchisch und eigennützig – und das zu einer Zeit, in der wir eigentlich rational, unparteiisch und altruistisch sein müssten...
Unsere Geschichte und unsere biologische Abstammung haben uns so geprägt, dass wir kurzfristig und nur für die Spanne eines Lebens planen. Und jetzt sind wir gefordert, uns um das Wohlergehen Ungeborener zu kümmern, die wir niemals kennenlernen und die sich nicht bei uns für unseren Gefallen revanchieren werden – ein Prinzip, das den gängigen Regeln menschlicher Interaktion völlig zuwiderläuft...
Pessimismus ist ein großes intellektuelles Vergnügen und übt gar einen faszinierenden Reiz aus – aber die jetzige Herausforderung ist zu ernst, als dass man nur an den eigenen Genuss denken könnte.
Für uns arbeitet unsere Rationalität, die ihren formvollendeten Ausdruck in guter Wissenschaft findet. Und wir verfügen über ein Talent zur Zusammenarbeit – wenn uns der Sinn danach steht. Befinden wir uns am Anfang einer Ära beispiellosen Zusammenwirkens auf internationaler Ebene oder leben wir in einem edwardianisch-idyllischen Sommer unbekümmerter Realitätsverleugnung? Ist dies der Anfang oder der Anfang vom Ende?
Ian McEwan, 2005
Ian McEwan wird als Romanschriftsteller weltweit von den Kritikern gefeiert. Er wurde dreimal für die höchste literarische Auszeichnung Großbritanniens, den Booker Prize for Fiction , nominiert und erhielt ihn 1998 für Amsterdam. Sein Roman Atonement (dt. Abbitte) wurde mit dem WH Smith Literary Award (2002), dem National Book Critics' Circle Fiction Award (2003), den Los Angeles Times Prize for Fiction (2003) und dem Santiago Prize for the European Novel (2004) ausgezeichnet. Sein jüngster Roman Saturday ist im Verlag Random House erschienen.
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