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Durch die Stromerzeugung in Großbritannien entstehen nahezu 40 % unserer Kohlenstoffemissionen – der größte Beitrag des Landes zum Klimawandel. Das muss nicht so sein. Unser zentralisiertes Modell für die Erzeugung und Übertragung von Strom verschwendet erstaunliche zwei Drittel der einge-speisten Primärenergie, wodurch wir sehr viel mehr Brennstoff verbrauchen und Kohlendioxid ausstoßen als notwendig. Man kann sich nur schwer ein verschwenderischeres und ineffizienteres Modell als jenes vorstellen, mit dem derzeit die Volkswirtschaften der ‚entwickelten' Welt versorgt werden.
In unserem derzeitigen System wird Elektrizität von einer kleinen Anzahl großer Kraftwerke erzeugt und dann dorthin weitergeleitet, wo sie gebraucht wird. Da die Kraftwerke in der Regel weit entfernt von den Zentren der Energienachfrage liegen, wird die Wärme, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entsteht, nicht genutzt, sondern durch Schornsteine oder in Flüsse abgeleitet. Allein dieser Wärmeverlust bedeutet eine Verschwendung von über 60 % der gesamten in fossilen Brennstoffen enthaltenen Energiemenge. Weitere Verluste entstehen, wenn der Strom durch die Leitungs- und Verteilungssysteme fließt. Die im Kraftwerk und in den Leitungen verschwendete Energie entspricht der Gesamtmenge der benötigten Energie zur Wasser- und Raumbeheizung sämtlicher Industrie- und Wirtschaftsgebäude sowie aller privaten und öffentlichen Gebäude in Großbritannien. Dies ist vollkommen unwirtschaftlich und eine unsinnige Form der Energieerzeugung für unser tägliches Leben.
Es gibt jedoch eine Alternative. In einem dezentralisierten System zur Energieerzeugung würde Strom nah am Ort des Verbrauchs oder direkt dort erzeugt. Bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe würde die Wärme eingefangen und genutzt. Gebäude wären statt passiver Energiekonsumenten eigene Kraftwerke und somit integrale Bestandteile der regionalen Energie-versorgungsnetze. Sie wären mit Photovoltaikplatten, solarzellenbetriebenen Wasserheizern, Mikro-Windturbinen und Wärmepumpen zur Gewinnung von Erdwärme ausgestattet. Man könnte sie auch an gewerbliche oder häusliche Kraft-Wärme-Kopplungssysteme anschließen.
Ein ideales System zur Energieerzeugung unter Einbeziehung der Dezentralisierung besteht aus den folgenden Elementen:
- Wärme- und Stromerzeugung in der Nähe des Verbrauchsortes ermöglicht den größtmöglichen Nutzen aus jeder Art von Brennstoff. Die integrierte Erzeugung von Wärme und Strom führt zu einem enormen Anstieg der Wertigkeit des Brennstoffs. Derzeit gehen ungefähr 2/3 der Energie in Großbritannien als verschwendete Wärme direkt im Kraftwerk oder bei der Langstreckenübertragung verloren.
- Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien, beispielsweise Wind-, Gezeiten- und Sonnenenergie ermöglichen die Nutzung kohlenstofffreier Energie und die Umweltauswirkungen werden so gering wie möglich gehalten. Diese Energieformen arbeiten nicht mit fossilen Brennstoffen, sondern nur mit einheimischen Ressourcen wie Wind und Wellen, die es in Großbritannien im Überfluss gibt.
- Eine erhöhte Energieeffizienz am Ort des Verbrauchs in Privathaushalten, Fabriken oder Gewerbebetrieben ist die billigste und effektivste Möglichkeit zur Reduzierung von Kohlenstoffemissionen und der Energienachfrage. Die Drosselung der Nachfrage ist die effektivste Form einer Reduzierung der Nutzung fossiler Brennstoffe und der Abhängigkeit von konventionellen Energiequellen. Ein dezentrales Energiesystem, das den Menschen ein aktiveres Verhältnis zu ihren Energieressourcen ermöglicht, ist ein entscheidendes Element zur Anregung einer effizienteren Nutzung der jeweiligen Energie.
In der Stadt Woking kann man bereits heute die Umsetzung einer Zukunftsvision in Augenschein nehmen. Durch die Dezentralisierung der Energieerzeugung, dem Sammeln und der Nutzung der Abwärme der Kraftwerke und der Verbesserung der Energieeffizienz hat die Stadtverwaltung den CO 2 -Ausstoß der eigenen Gebäude während der letzten 15 Jahre um 77 % reduziert. Dieses Beispiel zeigt, dass unsere Emissionen durch eine dezentralisierte Energieerzeugung drastisch reduziert werden könnten.
Dieser radikale Umbau unseres Energiesystems klingt attraktiv, aber gleichzeitig auch teuer. Tatsächlich würde eine Dezentralisierung unserer Energieressourcen statt eines Austauschs unseres derzeitigen zentralisierten Systems langfristig Geld einsparen. Laut Aussage der Internationalen Energiebehörde plant die Europäische Union, während der nächsten Jahrzehnte $ 500 Milliarden für die Modernisierung und den Austausch von Leitungs- und Verteilungsnetzen auszugeben. Die Chance, einen Großteil dieser Kosten zu vermeiden bedeutet, dass dezentralisierte Energie sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus ökologischer Sicht sinnvoll ist.
Aus drei Gründen ist dezentralisierte Energie gegenüber einer zentralisierten Energieerzeugung so vorteilhaft:
- Energieerzeugung in der Nähe des Verbrauchsortes verkleinert das benötigte Stromnetz und vermeidet damit Verluste innerhalb des Netzes. Die Leitungs- und Verteilungskosten der Kraftwerke werden reduziert. Dies ist besonders für Großbritannien relevant, da man die größte Steigerung der Nachfrage während der nächsten 20 Jahre aus den städtischen Regionen, beispielsweise im Südosten des Landes, erwartet. In diesen Regionen steht das staatliche Energieversorgungsnetz bereits kurz vor dem Kapazitätslimit. Zur Fortführung der zentralisierten Stromerzeugung wären erhebliche Investitionen in eine Kapazitätserweiterung notwendig.
- Die Brennstoffeffizienz dezentralisierter Energie ist in der Regel höher als bei zentralisierter Energieproduktion, da örtlich begrenzte Energieer-zeugung die gleichzeitige Nutzung von Wärme und Strom ermöglicht, die im Prozessverlauf entstanden sind. Folglich benötigt ein dezentralisiertes System weniger Kapazität zur Energieerzeugung und weniger Brennstoffe zur Deckung eines gleich hohen Energiebedarfs.
- Für dezentralisierte Energie benötigt man eine geringere Sicherungs-kapazität als bei zentralisierter Energieerzeugung, da ein System mit vielen kleinen Generatoren bei Ausfall eines Generators keine so drastischen Folgen nach sich zieht wie bei einigen wenigen großen Kraftwerken. Außerdem bedeutet dies, dass die Stromversorgung in einem dezentralisierten System gesicherter ist.
Dezentralisierte Energie ist zusätzlich eine zukunftsweisende Form der Energieversorgung für Entwicklungsländer und künftige Wirtschaftsgiganten wie China und Indien. Manchmal hört man die fatalistische Aussage, dass Versuche zur Klimastabilisierung künftig von der Verbrennung der Kohlereserven in China zunichte gemacht würden. Die Entwicklung eines dezentralisierten Energieversorgungssystems als Antwort auf die wachsende Nachfrage würde jedoch gegenüber einem zentralisierten System eine Halbierung der Emissionen Chinas bedeuten.
Die Dezentralisierung der Energieversorgung ist eine bestechende alternative Vision. Zur Veranschaulichung des Potenzials hat Greenpeace das Modell der World Alliance for Decentralised Energy (WADE) verwendet, das traditionelle zentralisierte Energieversorgungssysteme mit dezentralisierten Systemen vergleicht. Das Modell wurde kürzlich vom Außenministerium Großbritanniens zu einer Zukunftsprognose für die Energieversorgung Chinas und von der Europäischen Kommission zur Auslotung der Optionen der Gemeinschaft verwendet. Derzeit wird es vom deutschen Umweltministerium zur Untersuchung der Möglichkeiten dezentralisierter Energieversorgung in Deutschland genutzt.
Greenpeace beauftragte WADE mit dem Vergleich zweier grundlegender Szenarien. Beim ersten, zentralisierten Modell geht alles so weiter wie bisher und bestehende Atomkraftwerke werden durch neue ersetzt. Da bereits in die Erneuerung der zentralisierten Leitungssysteme investiert wurde, geht man bei diesem Szenario außerdem davon aus, dass die bereits existierenden Kohlekraftwerke bei Stilllegung ebenfalls durch neue, zentralisierte Kraftwerke ersetzt werden, deren Hauptenergiequelle Gas wäre. In einem zweiten, dezentralisierten Modell werden keine neuen Atomkraftwerke gebaut und alte Atom- und Kohlekraftwerke werden in erster Linie durch dezentralisierte Energieerzeugung, beispielsweise durch Gas- und Biomasse befeuerte Kraft- und Wärmekopplung (KWK) sowie örtlich begrenzte erneuerbare Energien ersetzt.
Die Ergebnisse des Modells zeigen, dass das dezentralisierte Szenario sauberer, billiger und sicherer ist. Die CO 2 -Emissionen sind um 17 % reduziert. Die Kosten sind allein in Großbritannien um £ 1 Milliarde geringer, denn die ungeheuren Kosten für den Ausbau des Leitungs- und Verteilungsnetzes wurden erheblich reduziert und die Stromkosten für den Verbraucher sind niedriger. Die Nutzung von Gas wird um 14 % gesenkt, was eine geringere Abhängigkeit von importierten Brennstoffen zur Folge hätte. Dieses nicht unmittelbar eingängige Ergebnis erklärt sich daraus, dass beim zentralisierten Modell Gas in ineffizienten Kraftwerken verbrannt wird und sehr viel vom Gesamtenergiewert des Brennstoffs durch Abwärme, die in die Kühltürme geleitet wird, verloren geht, während Gas im dezentralisierten Modell in erster Linie in effizienteren Wärmekopplungskraftwerken in Energie umgewandelt wird.
Die Aussage, dass jegliche bedeutsame Reaktion auf den Klimawandel die Volkswirtschaften auf der ganzen Welt lahm legen würde und uns nur vor ‚schwierige Alternativen' stellen würde, falls wir gleichzeitig CO 2 -Emissionen abbauen möchten und Versorgungssicherheit wünschen, ist schlicht unwahr. Mit dezentralisierter Energieversorgung haben wir jetzt eine echte Alternative. Worauf warten wir noch? |